Lateinische Sprachrelikte
im bayerischen Dialekt

Ortsnamen
Die Capitulation der Willibaldsburg von E. Volhann.
  • Die Kapitulation der St. Willibaldsburg im Jahre 1796 unter dem Kommando des Herrn Lieutnant Krach, aus den Lebensbildern von Eduard Vollhann besonders abgedruckt für die Freunde Krachs, mit 2 Ansichten der St. Willibalds-Burg und dem Portrait des Kommandanten
    Eichstädt, bey J. M. Beyer 1826
  • - 1 - Die Kapitulation der St. Wilibaldsburg
    Jene Provinz des Königreichs Bayern, welche noch immer das schöne Frankenland heißt, ist von den fruchtbaren Gauen der Donau-Niederung durch ein Kalksteingebirge getrennt, dessen zackiges und kuppiges Ansehen an jenen Punkten einen noch wilderen Charaktter
  • - 2 - annimmt, wo die schroffen und pralligen Gesteinswände durch auffallend gestaltete Höhlen und Risse zerklüftet sind. Die nördlichen Abhänge der weit ausbeugenden Windungen dieses Gebürges sind mit dichten Wäldern bewachsen, während die ganz kahlen mittägigen und östlichen Abhänge dem Auge um so rauher erscheinen, als die seichte Rasendecke, welche häüfig durch herrausragende graue Gesteinsstücke zerrissen ist, durch ihr fahles, erstorbenes Ansehne unfreundlich mit dem Smaragdgrün der üppigen Wiesen kontrastiert, die vom Fuße der Berge sich an das schilfbewachsene Ufer des Altmühlflußes hinbreiten Dieser Fluß folgt in trägem kaum bemerkbarem Laufe den Windungen des Gebürges, und hat sich in neuern Zeiten durch die Vorzüglichkeit seiner Fische und Krebse selbst bey den
  • -3- Leckermäuler entfernterer Städte eine sichere Reputation erworben.
    Wer die Bergschlucht herabkommt, durch welche die Straße von der Westseite in ein breites Thal führt fühlt seinen Blick nach den Ruinen einer ehemals mächtigen Burg aufwärts gezogen, welche sich trotzend auf eine Vorsprunge der Bergkette erheben. Aus der Mitte der steilen Bastione und Schanzen ragt ein Gebäude auf, das durch seine Ausdehnung und durch seinen großartigen Styl sich sogleich als einem ehemaligen Fürstensitz zu erkennen gibt. Die hohen sechsseitigen Thürme sind ohne Kuppeln, die Mauern ohne Bedachung, und die Zerstörung starrt, wie durch leere Augenhöhlen, aus den öden Fensterräumen der verschütteten Gemächer. In jenen Zeiten, wo noch mit /li>
  • - 4 - dem Schwerdte und mit der Lanze in der Faust die Zwistigkeiten aufgefochten wurden, war dieses Schloß von großer Wichtigkeit, hat aber in den neuen Zeiten, da es von meheren Punkten der umgebenden Höhen auf Kanonenschußweite beherrscht wird, als Waffenplatz seine Bedeutung verlohren. Es wurden daher die Bastionen, Gebäude und sonstigen Räume zum Tummelplatze gewerbtreibender Individuen umgestaltet; und so nagt der Mensch, in geschäftiger Eintracht mit dem Zahne der Zeit, dessen sichere Beute er selbst ist, an diesen Überresten ehemaliger Würde und Größe.
    Zu den Füßen dieser Burg liegt auf beyden Seiten des Altmühlflusses eine ansehnliche Stadt, deren hohe und zahlreiche Thürme, Gotteshäuser und
  • - 5 - ernste Klostergebäude hinlänglich beurkunden, daß sie in jenen Zeiten erbaut und vollendet worden sey wo der mächtige Arm der Kirche fast ausschließlich die individuellsten politischen und bürgerlichen Verhältnisse lenkte, so wie der ganz eigenthümliche Charakter, den das gegenwärtige Zusammenleben der Einwohner an sich trägt, auf einen früheren grellen Wechsel der Dinge hinweißt, und Spuren schroff in einander eingreifender Zeitereignisse wahrnehmen läßt.
    An den Berghöhen hinan klimmen im auffalldenden Kontraste mit den großartigen Gebäuden, welche sich innerhalb der Ringmauern der Stadt erheben, ärmliche Häuschen, die in dunkler Nacht durch das spärliche Geflimmer ihrer Lichtchen einen ganz eigenen Eindruck ma
  • - 6 - chen, und an jene phosphorenzierenden Würmchen erinnern, welche beym Beginnen des Sommers leuchtend und schweigend die Schlehdornhecken und das hohe Gras der Weg-Raine bevölkern.
    Diese Stadt heißt Eichstädt und verdankt unfehlbar diesen Namen den nahen zahlreichen verbreiteten Eichenwäldern, deren Laubgewölbe, von mächtigen Stämmen und Ästen getragen, auf dem Rücken der nordwestlichen Bergkette die Gräber alter germanischer Helden beschatten. Gefäße und Waffen, welche gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts im heiligen Schauer dieser Eichen aus der Erde gegraben wurden, sind unverwerfliche Zeugen, daß in diesen Haynen einst Thuiskons Heldensöhne gehaußt , und die kräftigen LIeder begeisterter Barden erklungen haben,
  • - 7 - Um die Auffindung und nähere Beleuchtung dieser alterthümlichen Schätze hat sich vorzüglich der Jesuite Pickel verdient gemacht, dessen Name nur dewegen zu verklingen anfängt, weil sein gründliches und umfassendes mathematisches Lehrbuch in lateinischer Sprache geschrieben ist, und die Jünglinge unserer jetzigen Zeitperiode, nebst ihren nicht viel älteren Lehrern, innig von höheren Meditationen über Regierungsformen durchdrungen, sich mit einer Sprache nur in so ferne befassen, als sie deutsch ist.
    Ein noch weit reicheres Feld ist dem Geschichtsforscher nach jener Seite hin geöffnet, wo die südöstliche Gefürgskette sich gegen das Donau-Ufer verflächt. Dort sind die Fragmente einer stürmisch bewegten kriegerischen Vorzeit
  • - 8 - durch die Nachforschungen mehrerer verdienten Archäologen an das Licht gezogen, und hierdurch jene Gegend als der Schauplatz des Kampfes der Römer mit den Teutonen vorzüglich in jener Geschichtsperiode beukundet worden, wo die Letzteren schon anfingen sich angriffweise zu benehmen, und daher die Römer in die Lage setzten, durch angelegte befestigte Plätze die immer kühner werdenden Feinde von ihren Gränzen abwehren zu müssen.
    Wenn die am Fuße des Gebürges und am Ufer der Donau aufgefundenen Spuren, welche jene kolossalen Begebenheiten zurckgelassen haben, vorzüglich in Wällen, Lagern, Kastellen und Streitthürmen bestehen, so zeigen die Alterthhümer, welche auf den Höhen und Abplattungen des Gebürges von ihrer
  • - 9 - Hülle befreyt worden sind, von der ausschweifenden Pracht der römischen Großen, und bestehen größtentheils in versunkenen Wohnsitzen der Feldherrn, in Bädern, in künstlich gearbeiteten Waffen und Geschmeiden, und in Kunstwerken der Plastik, und sie lassen keinen Zweifel übrig, daß dieses Gebürge Zeuge einer lang andauernden entscheidenden Geschichtsperiode gewesen sey. Hier war der Mittelpunkt, aus welchem die römischen Feldherrn nach der Donau hin ihre kriegerschen Operationen geleitet, und wohin sie sich zurückgezogen habe, im Falle die Truppen geschlagen würden. Die befestigten Lager, Kastelle, Streitthürme und Schanzen am Ufer der Donau waren bloß die Aussenwerke dieser natürlichen und kolossalen Festung.
  • - 10 - Diese Behauptung wird noch durch die Spuren einer großen Kunst-Strasse unterstützt, deren ausgedehnte Zweige sich alle im Inneren des Gebürges vereinen. Die Überreste dieser Strasse führen noch in unseren Zeiten den Namen "die Teufelsmauer". Da man vor dem fünfzehnten Jahrhunderte, und, wie die Hexenprozesse beweisen, noch bedeutend später, bey der Unzulänglichkeit des damals herrschenden Lichtes alles, was Kunst und Wissenschaft hieß, Umtrieben außerirdischer Macht zuschrieb, so läßt sich dieser Name um so natürlicher finden, als ohnfelhbar auch der Teufel dem Geisterreiche angehört.
    Die Lage der Dinge nahm später, wie bekannt, für die Römer eine bittere Wendung; immer bedenklichere Gesichter warfen die langbärtigen Wahr-
  • - 11 - sager in die zuckenden Eingeweide der Opferthiere, und jeder Rabe erhob sein unheilbringendes Gekrächze zur Linken. Die bedrängte Roma sah ihre Laren durch den Andrang riesenhafter Ausländer erschrekct, und die Schmach einer schimpflichen Kapitulation durch den übermüthigen Hohn einen Barbaren-Hortes erhöht.
    So hatte sich der Schauplatz der Begebenheiten aus diesen Gegenden entfernt, und war dahin verlegt worden, wo ein mächtiges in seinen sittlichen und politischen Grundlagen erschüttertes Reich dem Gewesenseyn zusank.
    Jahrhunderte hindurch mochte Todenstiolle auf den Altmühlthälern geruht haben, über die glänzenden Reste zerstörter Prachtwerke breitete die Erde
  • - 12 - ein Leichentuch von Gras und wildem Gestrippe, wo immer tiefer neigten sich die gemooßten Heldenmahle oder versanken ganz und gar
    Diese Thäler beleben sich in geschichtlicher Hinsicht in jener Epoche wieder, wo das Christenthum anfing, durch die Risse düsterer Wolkenlasten einezelne Strahlen lauf das gestaltlos und gewaltsam bewegte Leben der nördlichen Hälfte von Europa herabzusenden.
    Es war höchste Zeit, daß die milde Sitte ihre Herrschaft antratt, daß der Mensch sein Wollen und Handeln, welches bisher über alle Schranken hinstürmte, jenem geistigen Richter unterwarf, welcher, ein Geschenk der Gottheit, im Heiligthume des Herzens seinen Thron aufgeschlagen hat.
  • - 13 - Der Widerstand, den die Lehre des Welterlösers noch allenthalben fand, drückte dem Erscheinen und Handeln jener Männer, welche von einem höheren Geiste getrieben, durch die Macht des Glaubens und der Liebe das Riesen-Gespenst der Barberei bekämpften , das Siegel eines tiefen, geheimnißvollen Ernstes auf. Den Gott im Herzen, zogen sie sich in das heilige Schweigen der Wälder zurück, und die Gemüthergreifende Weise ihrer Anbetung machte einen tiefen Eindruck auf die verwilderten Horden, welche mit Waffentänzen und kriegerischen Gesängen ihren ungeschlachten fratzenhaften Götterbildern die Zeit zu vertreiben suchten. Die Ahnung eines besseren Seyns regte sich in den rohen Herzen; die Lichtgestalten stiller Häuslichkeit, das Glück eine eigenen gesicherten Heerde traten lockend
  • - 14 - und beschwichtigend vor die wilden Sinne hin, und legten die erste bildende Hand an jene gestaltlosen Massen, welche sich später im Verlaufe von Jahrhunderten zu dem hochgeachteten deutschen Volke veredelten, aus dessen Schooße jende Ideale von Tapferkeit, Rechtlichkeit und Frauentreue auftauchten, welche die Weltgeschichte mit Ehrfurcht und Begeisterung nennt.
    So kam auch achten Jahrhundert ein englischer Königs-Sohn in das Altmühltal, um das Geschäft der Bekehrung der in der Nähen hausenden Horden zu unternehmen- Er hieß Willibald, war ein frommer Mann von reinem Lebenswandel, und starb im Geruche der Heiligkeit. Er gründete in diesem Thale eine jeder Priester-Dynastien, deren damals in Deutschland
  • - 15 - mehrere entstanden, und welche im Verlaufe der Zeit zu einer Macht erwuchsen, die selbt die kühnsten Träume des berüchtigten Verfasser "der falschen Dekretalen" noch übertraf.
    Eine Reihe von Bischöfen beherrschte nach Willibald das Altmühltal, und Kaiser Ludwig, welcher sich in der Geschichte mit dem bescheidenen Zunamen "das Kind" begnügt, soll den dortigen Ansiedlungen im zehnten Jahrhunderte die Rechte einer Stadt, und die Befugniß, sich durch Mauern und Gräben zu schirmen, ertheilt haben.
    In diesem Jahrhunderte nahmen die deutschen Städte eine ganz eigene Stellung gegen das Ganze an, und ihre Bewohner wurden durch die Begünstigungen Heinrichs des Vogelfangenden
  • - 16 - von einem störrischen, einrissigem Geiste beseelt. Dieser Geist klang noch durch einige Jahrhunderte nach, und wir wollen uns nicht über die Maaßen wundern, wenn uns ein glaubwürdiger Geschichtsschreiber erzählt, daß gegen die Mitte des dreyzehnnten Jahrhunderts die Bürger von Eichstädt ihren Bischof, in chronologischer Ordnung der zwey und dreysigtste, nebst Allem, was ihm lieb und theuer war, zufällig zur Stadt hinaus warfen.
    Der ritterliche Geist, welcher im vierzehnten Jahrhundert und später den Adel Deutschlands beseelte, hatte auch die Priester jener Zeit ergriffen, und es berichtet uns Lang in seiner Geschichte von Eichstädt, daß sich unter den regierenden Bischöfen dieser Stadt ein jovialer tapferer Mann, Herr Johann
  • - 17 - von Eych, vorgefunden habe, welcher stets gepanzert und gewaffnet, sich laut vermessen haben, er wolle mit fünfen zugleich fechten, wenn sie ihn redlich angriffen. Er focht auch eine Fehde mit dem Herzoge Ludwig von Landshut rühmlich aus, und vertheidigte die Stadt Eichstädt mit vielem Muthe, während seine Domherrn die kämpfenden Haufen auf den Mauern und Streitthürmen befehligten .
    Nur die galante Zeitperiode der Troubadours und Minnesänger scheint spurlos über die gute Stadt hingegangen zu seyn, und es will hievon nichts verlauten, so ängstlich sorgsam man auch die Geschichte durchblättert.
    Das Faustrecht, dessen Beginnen wir ohne Bedenken in das elfte Jahr-
  • - 18 - hundert setzen können, hat auf den Höhen der Bergketten kühne düstere Denkmähler zurückgelassen. Mit den schroffen Gesteinswänden gleich emporragend, hängen die Reste der kecken Baue über friedlichen Dörfern hin, mageres Strauchwerk und fahles Gras kümmert auf den Mauern und Thürmen, welche, von Geyern umkreißt und von tagesccheuen Eulen bewohnt, hartnäckig der Zeit ihre Rechte streitig machen. Hier haußten jene kräftigen Wildlinge, welche bey der Unzulänglichkeit der obersten Gewalt in Deutschland in ihren Schwerdtern allein Recht und Heil fanden. Der starre unbändige Sinn gehorchte nur der Milde des liebenden Weibes, welches, von eisernen Armen umschlungen und fest angeschmiegt an den Stahl des Panzers, ängstlich auf das Pochen des Herzens lauschte.
  • - 19 - So ging die Geschichte von Jahrhunderten über diese Thäler hin, mit jenen Umgestaltungen, die jede einzelne Periode allem Bestehenden aufdringt, und wir können nichts weiter sagen, als daß die Bewohner der Stadt Eichstädt thaten und handelten, wie es die Zeit ihnen gebot.
    In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sehen wir Eichtätt in seiner höchsten Blüthe. Sein Gebiet ist zu einem bedeutenden Fürstenthume ausgedehnt, und die gefürsteten Bischöfe sind Herren mehrerer wohlhabenden Städte. Viele reiche Klöster erheben ihre ernsten Mauern, die Gotteshäuser prangen, reich verziert, mit Prachtwerken der Baukunst und der Mahlerey; Wissenschaften und Gewerbe sehen wir in lebhafter Regsamkeit, Seegen und Wohlhabenheit brei-
  • - 20 - ten ihr Pannier über das ganze Land hin, und es ist aus diesen Verhältnissen der Wahlspruch hervorgegangen: „Unter dem Krumstabe ist gut wohnen." Der Morgen des 12. Septembers 1796 hatte sich einer bangen Nacht entrungen; angstlich fragende Gesichter warfen sich die Bewohner der Stadt Eichstädt zu, und die Herbstnebel schienen bloß deßwegen dem Tagesgestirne gewichen zu seyn, um den Augen das Bild eines beklommenen Bewegens und eines dumpfen unsichern Treibens recht klar und deutlich zu entwickeln.
    Ein Häufchen deutscher Krieger — sie waren ein integrirender Theil der Reichstruppen — hatte sich in nicht
  • - 21 - ganz gelungener Haltung und in regellosen Gruppierungen vor den Gewehrschranken der Hauptwache versammelt. Die mit Kohlen beschriebenen Wände der Wachstube waren dießmahl nicht in tiefem Tabaksqualm gehüllt, Lieder und Kraftsprüche waren verstummt, und die Bellona des Friedens war von den verstümmelten und benarbten Bänken und Tischen gewichen. Es war der Zeitpunkt da, wo die Waffe zur gefährlichsten Zierde geworden war, und es schien sich dieses Bewußtseyn selbst denen aufzudringen, welche in besseren Zeiten nie ermangelten, den Tod zu ihren nächsten Bekannten zu zählen.
    Die Blicke aller waren auf einen großen mächtig beleibten Mann gerichtet, welcher in Leutnants-Uniform mit festem Blicke und hochgetragenem Haupte
  • - 22 - der Zurückkunft eines Kundschafters entgegen sah, welchen er ausgesendet hatte, um das erste Erscheinen des Feindes zu erblicken und zu erlauschen.
    Auf dem Kopfe trug der Leutnant einen dreyfach gestülpten Hut mit einem Federstutze; Kokarde und Schlinge waren bedeutend genug. Die Hauptbedeckung war fest auf die bepuderten Haarswülste gedrückt, welche sich ober den Ohren weg nach der Stirne hinzogen. Der Haarzopf, dessen Band oben durch eine kühn gefaltete Rose befestigt war, wurde allenthalben der Reichsanzeiger genannt, und suchte in Hinsicht der Länge seines Gleichen. Er fiel weit über den Rücken hinab, und sein Ende verbarg sich schalkhaft zwischen den Rockschößen, welche hinsichtlich ihrer Länge und Breite noch nicht übertroffen worden
  • – 23 – sind; – es würde kein Schneider Anstand nehmen, aus ihnen eine vollkommene Uniform des neueren Schnittes anzufertigen.
    In einer breiten Kuppel, deren Ausdehnung eine Anzahl schlanker In dividuen hätte umschnallen können, stack ein gewaltiger Haudegen, an dessen gediegenem Griffe eine leicht gefranzte goldene Quaste baumelte.
    Die gelben ledernen Beinkleider, von welchen mehr als ein Dritttheil durch die Taschenklappen der Tuchweste gedeckt war, wurden durch enganliegen de Manschetten gegen die Einwirkung der hohen steifen Stiefel geschüzt. Das Gesicht dieses Kriegers war im Lapidarstyle gearbeitet, und wenn
  • – 24 – einerseits das kleine stechende Auge jede taktische Unrichtigkeit eines Wachaufzuges schnell entdeckte, so war anderseits die Nase eine Original-Ausgabe, und ein Gegenstand vielseitiger Berücksichtigung. Sie war taubenhälsig angelaufen, und hatte eine zahlreiche Nachkommenschaft auf und neben sich versammelt, welche sie, wie der Pelikan, mit ihrer eigenen Substanz ernährte.
    Das Knochenhaupt des längsten aller spanischen Rohre ragte aus der festgeschlossenen Faust hervor, und jeder - seiner Untergebenen wußte zu sagen, "so ists beschaffen."
    Der Leutnant hatte ein halbes Jahrhundert als Fähnrich gedient, und sich durch die eingetrettenen außerordentlichen
  • - 25 - Zeitverhältnisse auf seinen gegenwärtigen Posten geschwungen; ihm war zugleich die Vertheidigung des Schlosses übertragen, dessen Lage und Ruinen wir schon am Eingange beschrieben haben, und dessen Unüberwindlichkeit damals weit weniger in Zweifel gezogen wurde, als man sich später dazu veranlaßt gefunden hatte.
    Eiliger, als es sich mit den geheimen Wünschen des bewaffneten Häufchens vertrug, kam der Bote zurück - und meldete die Ankunft feindlicher Truppen. Man kann diesem Abgesendeten nichts anders nachsagen, als daß er dem Feinde weit genug vorangekeucht war, und es sich auf keinen Fall zu Schulden kommen ließ, denselben, wie der Spion von Erfurt, gleich selbst mit zubringen,
  • - 26 - Nachdem der Leutnant den in verschiedenen Absätzen erstatteten Rapport mit der ihm angebohrnen Gemüths-Ruhe angehört hatte, tratt er gravitätisch den Weg nach seiner Festung an ohne seine Schritte zu verlängern oder zu verdoppeln, und wer ihn gesehen hatte, der mußte nothwendig der Meinung werden, daß er das, was so eben vorgefallen im Begriffe war, der Wichtigkeit nach allenfalls einer Nußschaale gleich hielt. Hinter ihm wurde knarrend die Zugbrücke des Schlosses auf gezogen, und Hauptwache und Stadtbewohner blieben in einem Zustande zurück, in welchem sie, sozusagen, keinen Sinn mehr rühren konnten,
  • - 27 - Die Truppen der französischen Republik hatten in Deutschland bereits an gefangen, sich anständig zu kleiden, und wußten vorzüglich die ursprünglich schottländische Beschaffenheit eines wesentlichen Theiles ihres Anzuges zur Zufriedenheit derjenigen, welchen vorzüglich daran gelegen zu seyn pflegt, zu repariren. Wenn auch das Erscheinen dieser Fremdlinge sich um kein Haar besser oder schlimmer äußerte, als jeder andere feindliche Ueberfall, so blieb doch ihr Aussehen und ihre sonstigen Eigenschaften, weit hinter den Schreckensvorstellungen derjenigen zurück, welche der unveräußerlichen Ansicht waren, daß durch diese Gäste ein wesentlicher Theil der Offenbarung Johannis in Erfüllung gehen würde.
    Wir wollen, da die Sache doch
  • - 28 - nun einmal nicht zu ändern ist, es der Weisheit der bey solchen Gelegenheiten besonders thätigen Behörden überlassen, die Einquartirungs-Verstöße, Sprachverirrungen, und sonstigen Komplikationen auszugleichen, und folgen dem Leutnant in das Schloß, welches die St. Wilibaldsburg heißt, und dessen Inneres uns eine befriedigende Vorstellung von den bewaffneten Fürstensitzen der damaligen Zeit geben kann.
    In einem bedeckten Gange, welcher gewölbt und dunkel sich gegen hundert Schritte aufwärts zog, tratt dem Leutnant die ein und zwanzig Mann starke Besatzung entgegen. Angst und Neugierde hatte sie zusammen getrieben, und der Sturm, der auf ihrer lang weiligen Heldenbahn das erstemal wie der eine Staubwolke aufwirbelte, riß
  • - 29 - mit dem großen Haufen auch ein paar Schildwachen fort, welche sich durch lange, weit über die Kniee heraufreichende Kamaschen, an denen zur Bequemlichkeit einige Knöpfe gelüftet waren, auszeichneten. Bloß der Konstabel war nicht unter ihnen zu sehen; dieser hatte unter dem alten Fritze gedient, worauf er sich sehr viel zu gute that, und weßwegen er sich selbst gegen den Leutnant eine Gurke mehr herausnahm, so wie er überhaupt bey allen Gelegenheiten etwas Apartes haben mußte. Er maaß fünf und siebzig rheinische Zolle, und sein Haarzopf wurde von dem des Leutnants nur an Dicke übertroffen.
    Seine Geringschätzung der herrschenden Ereignisse war noch stärker, als die des Leutnants, und er schloß gewöhnlich seine taktischen Vorlesungen mit der selbst gefälligen Behauptung, "daß noch lan
  • - 30 - ge die besten noch nicht daran gekommen wären.“
    Der Leutnant verspürte indessen wenig oder gar keine Lust, durch erzählende Mittheilung die ängstlich harrenden Gesichtszüge des Heldenhäufleins abzuspannen; er herrschte dasselbe viel mehr mit einem jener kräftigen Flüche zurück, welche er als besonders nachdrucksam nur für feyerliche Gelegenheiten aufzubewahren pflegte, und behielt von sämtlicher Mannschaft nur so viel Stücke bey sich, als er für hinlänglich erachtete, um die beyden Fallgitter aus den rostigen Angeln zu winden, und niederrasseln zu lassen.
    Er schritt hierauf über einen freyen Platz hinweg, und auf eine Brücke zu, die über einen tiefen trockenen Gra
  • - 31 - ben gelegt war, von wo aus man durch ein kleines, von außen durch eine Blendmauer verstecktes Pförtchen nächtliche Ausfälle machen konnte. Diese Brücke führte in eine weite dunkle Halle, welche der Vorplatz der Kommandanten Wohnung war.
    Die Haushälterin strich vor dem versteinernden Ernste des Leutnants vorläufig die Segel, und liebend, wie sie selten gepfleget, schickte sie sich an, ihm Hut und Degen abzunehmen, ein Geschäft, das sie in ihrer häufig extemporirenden Murrköpffigkeit meistens einem dickköpfigen Tambour überließ, der bey dem Leutnant die Stelle eines Fourierschützen versah.
    Ohne indessen Hut und Waffen – worunter wir auch das spanische Rohr
  • - 32 - zählen wollen – abzulegen, ergriff der Leutnant einen großen Bund verrosteter Schlüssel, und winkte dem Tambour, ihm zu folgen. Dieser war der einzige, auf dessen Verschwiegenheit der Leutnant unbedingt bauen durfte, weil dieses trommelschlagende Menschenkind, mit seiner halbkretinischen Organisation, eine Sache nur dann begriff, wenn es dieselbe in den Händen hielt, und ein Ding selten länger, als dazu gehört, um es wieder zu vergessen, im Gedächtnisse bewahrte.
    Beyde giengen über den zweyten Schloßhof hinweg, welcher von einer Seite ganz frey, und bloß durch eine einfache Brustwehre geschützt ist. Wer hart an diese Brustwehre hintritt, der fühlt seinen Blick gähe abwärts gerissen, wo die Grundmauern des Schlos -
  • - 33 - ses zwischen Gesteinklüften eingekeilt sind. Mitunter ragen abentheuerlich gestaltete riesenhafte Felsenzacken frey empor, welche dem Auge wie versteinerte vorsündfluthliche Wesen entgegen tretten. Zu den Füßen des Berges ist der Sammetteppich des Wiesenthales hingebreitet, wo am Ufer des Flusses, der es durch krümmt, ein Zisterzienser Kloster wie eine Königsburg mit üppigen Gebäuden prangt, und auf ein paar hundert Schritte neben sich ein bescheidenes Nonnenklösterchen duldet, dessen Jungfräulichkeit durch hohe Mauern, und kleine festverschlossene Pförtchen versichert ist.
    Durch einen dunklen Bogen kam der Leutnant und sein elephantenbeinigter Knappe in dem dritten Burghofe an, wo sie jene befangende Kühle anfauchte, welche gewöhnlich in Räumen
  • – 34 – zu herrschen pflegt, die rings von hohen Quadersteinernen Mauern umschlossen sind. Dieser Hof, ein weites regelmäßiges Viereck, wird von den Flügeln der Fürstenwohnung gebildet, welche, wenn auch damals schon seit langer Zeit unbewohnt, dennoch in einem würdevollen Zustande unterhalten wurde. Die Sonne beeinträchtigte nie die Schattenmassen dieses Hofraumes, sondern sie blizte blos von den großen vergoldeten Knöpfen der beyden Thürme zurück, schimmerte in den blanken Wetterhähnen, und erregte einen dunklen dampfenden Schein auf dem Firste der kupfernen Bedachung; selten stahl sie sich bis an die Dachrinnen herab, deren Ausgüsse grimmig gezahnte geflügelte Drachenköpfe vorstellten. Die Grabesstille, welche an diesem Orte herrschte, wurde noch schauerlicher durch das me
  • - 35 - lancholische Geplätscher eines Bronnens, welcher aus offenen steinernen Löwenrachen sein Wasser in einen tiefen und weiten Born ausgoß.
    Das Portal des Palastes war mit grillenhaften Figuren verziert, welche theils als Hautreliefs, theils als Statuen in wunderlicher Ordnung zusammengereiht waren. Der gemessene Sporenklang der Kommandantentritte wurde gewissenhaft von den einsamen Wänden wiedergegeben, und weit durch alle Räume des Gebäudes hallte das Geklirre der Schlüssel, und das Knarren der schweren metallbeschlagenen Pforten.
    Auf der breiten Treppe grinzten den Ankommenden steinerne Kerle entgegen, welche im Geschmacke der damaligen Zeit, auf den Pfeilern des Ge
  • - 36 - länders standen, und große Laternen hielten. Die possenhaft verrenkten Stellungen dieser Wechselbälge der Phantasie waren ganz im Einklange mit den theils verschmizt, theils pinselhaft verzerrten Gesichtszügen.
    Eine Reihe prächtiger Zimmer öffnete nach und nach der Leutnant, in dem er mit besorgt prüfendem Auge sich von der Festigkeit jedes Schlosses versicherte, und es schien ihm vorzüglich angelegen zu seyn, Sachen von größerem Werthe in Schränke zu verschliessen, deren Thüren im Getäfel der Wand künstlich verborgen waren. Papiere von Wichtigkeit nahm er zu sich, oder bepackte den Tambour damit, und er glaubte durch diese Vorsicht die ihm an vertrauten Dinge wenigstens gegen einen Coup de mains zu sichern.
  • - 37 - Die Haute-liße - Tapeten der Zimmer waren von den schwersten Seidezeugen, und in Rahmen von vergoldeten Schnitzwerk mit unerschöpflichen Schnörkeln ein gespannt, und es waren mit ähnlichen Verzierungen der Platfond, und die Pfeiler der Wände so sehr überladen, daß irgend Jemand, der - nicht genau von der Dekorations-Manie der damaligen Zeit unterrichtet war, jedes einzelne dieser Zimmer für die Vorraths - Kammer hätte ansehen müssen, aus welcher man die zufällig in den übrigen zu Bruche gegangenen Verzierungsstücke zu rekrutiren pflege. Die reich und üppig gefalteten Fenstervorhänge waren mit viel fach verschlungenen Schnüren und endslosen Quasten ausgestattet, und die Tische und Sitze – leztere waren, mit rothem Damaste überzogen – waren hinsichtlich des Holzwerkes in einem
  • - 38 - Maaßstabe gearbeitet, als wenn sie nie von der Stelle bewegt werden sollten.
    Ein langer Gang lenkte den Sporenschritt des Leutnants durch einen andern Flügel des Schlosses, und der schwer belastete Tambour humpelte hinter her, und war häufig bemüht, mit dem Rockärmel die haugenden Schweiß tropfen von der sommersprossigen Nase zu wischen. In diesem Gange war in chronologischer Ordnung eine Galerie aller regierenden Bischöfe aufgestellt, und gerade am Ende war eine leere Rahme für den damals noch lebenden 68sten übrig geblieben. Ein omindser Umstand!
    Eine steinerne Wendeltreppe führte von da aufwärts in eine Reihe von Sälen, wo Rüstungen und Gewänder aus den Zeiten des Ritterthums aufbe
  • – 39 – wahrt, und in kühnen Gruppirungen aufgehangen waren. Lanzen und Fähnlein waren dicht an den Wänden hin gereiht, und wechselten mit Morgensternen, Streitärten, Schwerdtern, Armbrüsten und Dolchen in der ungezwungensten Haltung ab. Kostbare Schärpen waren mitunter, um die Brustharnische geschlungen, oder hiengen über die bunt bemahlten Schilde herab, um deren Wappenfelder und Zeichen sich aber der Leutnant von jeher unbekümmert gelassen hatte, so wie er überhaupt das Studium der Geschichte, wie die Pferdediebe das Beichten, ganz und gar auf künftige Zeiten verschob.
    Es waren ganz geharnischte Ritter vorhanden, welche auf täuschend ausgestopften Pferdehäuten saßen, und welche sich in drohenden Stellungen ent-
  • - 40 - weder beym Oeffnen der Thüre, oder beym Andrücken an eine Feder, welche im Getäfel des Fußbodens angebracht war, bewegten. In dem Tambourer regten diese bizarren und grauenvollen Raritäten ein so aufrichtiges Mißbehagen, daß er von dem Leutnant in dieses Heiligthum der Vorzeit bey den Ohren eingeführt werden mußte, bey welcher Gelegenheit er Verschiedenes von dem, was ihm aufgeladen worden war, auf den Boden fallen ließ.
    Ein Saal am Ende dieses Flügels verschloß köstliche Gewänder und Teppiche, welche die Fürsten von Ihresgleichen als Geschenke erhalten hatten, und welche als Meisterstücke der Webezunft sorgfältig aufbewahrt wurden. Sie waren über aufgespannte starke seidene Schnüre gelegt, und hiengen um ein X
  • - 41 - weites marmornes Becken, in welches ein großer metallener Frosch spiegelklares Wasser ausgoß, welches durch ein küntliches Druckwerk vom Fuße des Berges bis in diese Höhe aufgetrieben wurde.
    Die Pracht dieses Ortes und die Ahnung ihres baldigen Vergehens drückte die Augenbraunen des Leutnants über seine düster blitzenden Seelenfenster her ab, und es wird nicht weit gefehlt seyn, wenn ich behaupte, daß das, was er zwischen den Zähnen murmelte, eben kein ,, Halleluja“ gewesen sey
    - Als der Leutnant wieder unten im Schloßhofe angekommen war, tratt er in einen langen gewölbten Bogengang, welcher auf Säulen ruhte, und schloß eine Thüre auf, welche ihn einige feuch-
  • - 42 - te Stufen abwärts in ein unterirdisches Gewölbe führte, wo durch die ganze Höhe des Felsen und des Berges ein weiter Bronnenschacht bis auf den Spiegel des Altmühlflusses abgeteuft war, Ueber dieser gräßlichen Tiefe schwebte ein großes Trittrad, welches in Zeiten enger Belagerung von Verbrechern in Bewegung gesetzt, die Wassereimer an starken Seilen auf und nieder förderte. – Ein kleiner Kieselstein, in diesen Schacht geworfen, bringt Töne hervor, welche die Stärke der Donnerschläge weit über treffen, und welche in einem Wellen gebrauße enden, das, wie die Brandung erzürnter Wogen, das Ohr erschüttert.
    So hatte der Kommandant den ersten Theil seiner Inspections-Reise geendet, und er kehrte mit dem Tam -
  • - 43 - bour, den ich Kaliban zu nennen bisher vergessen habe, in seine Wohnung zurück, welche wegen ihrer winklichen und kleingefensterten Beschaffenheit nicht ganz ungegründete Ansprüche auf die Göthesche Bezeichnung ,, Malepartus" hätte machen können.
    Die von so vielen außerordentlichen Ergebnissen ganz betuffte Haushälterin hatte bereits den zweygehörnten Stiefelknecht und seine beyden Leviten vor dem ledernen Armsessel am Ofen symmetrisch aufgestellt, und sie streckte die schmächtig befingerte Hand aus, um den Federbewimpelten Dreymaster vom Haupte ihres Herrn und extemporirenden Meisters zu nehmen; – aber ,, noch nicht" rief der Ajax der Wilibaldsburg, „noch nicht“ rief er um zwey Töne höher, als sie glei-
  • - 44 - che Absichten auf das spanische Rohr äußerte, und er öffnete rasch das Erkerfenster, aus welchem er einen schneidenden langgedehnten Pfiff auf dem Zeigefinger der rechten Hand ertönen ließ.
    Dieser Ton pflegte in jenen Zeiten, wo der goldene Friede seinen Oehlzweig über Land und Leute hinstreckte, den Konstabel zu einem Kartenspiele einzuladen, welches – ich habe noch nicht ergründen können warum – „Trischacken“ genannt wurde: allein, anders klingt die Trommete, wenn der Grenadier im dreisten Walzer einen gesunden Dienstbothen schwingt, und anders schmettert sie, wenn Husar und Dragoner nicht umhin können, auf glatt gestriegelten Rossen dem Feinde zu begegnen, und so hatte auch der Ex-
  • - 45 - preusse, der in seinen früheren Dienstesverhältnissen vertraut genug mit der Natur der Pfiffe geworden war, in Geschwindigkeit diesen Ruf des Kommandanten zu anatomiren gewußt, und tratt, den Hut a ' extraordinaire auf den Zopf gedrückt, in voller Herrenmontur aus der Thüre einer Bierschenke, von welcher er selbst Unternehmer und Beförderer war.
    Wie er über den ersten Schloßhof hin nach der Kommandanten-Wohnung gieng, begegnete ihm bereits der Tambour, welcher seine zylindrischen Füße hinter einer Trommel herschleppte, und im Takte eines Generalmarsches allen reuigen Sündern der Besatzung ein Memento mori zupauckte. – Wenn jener gefangene Trompeter der klassischen Vorzeit den Tod erleiden
  • - 46 - mußte, unter dem Vorwande, daß er durch sein tönendes Erz den Muth an feuere und feuere und hierdurch mehr Schaden anrichte, als ein Haufe wirklich kämpfender Soldaten, so wollen wir uns, der eingetrettenen Verjährung wegen, hierüber in keine peinliche Untersuchung einlassen – Wenn aber irgend Jemand auf den Kalbsfell-rührenden Kaliban gleiche Schuld hätte wälzen wollen, so müßte ich ihn wahrhaftig den unbilligsten im Lande beygesellen.
    Der Leutnant empfieng den Konstabel mit einem solchen kapitalen Dienstesgesichte, daß dieser die eine Hand fest an den Säbel gelegt und die an dere weit ausgestreckte auf den Luntenstab stützend stocksteif unter der Thüre stehen blieb. Wer indessen in diesem Augenblicke die Gesichtszüge des Be -
  • - 47 - ehlshabers näher examinirt hätte, dem würde ein gewisser Grad von Anstrengung nicht entgangen seyn, mit welcher er die Ordononanzmäßigkeit seiner Mienen zusmmenzuhalten bestrebt war, wohl eingedenk früherer vertraulicher Stunden, und nicht ganz vergessend, wie oft er beym Trischacken gegen den barschen Ton des Brandenburgers kleiner zugegeben, als es sich mit den strengen Grundsätzen militärischer Orthodorie vertrug. Indessen habe ich in den Annalen der St. Willibaldsburg nicht auffinden können, daß er in diesem kritischen Augenblicke aus der Rolle gefallen sey, sondern es ergiebt sich viel mehr aus dem Ganzen, daß er dem Konstabel die rostigen Schlüssel des Zeughauses übergab, und mit dem Befehle, ihm zu folgen, das Zimmer verließ.
  • - 48 - Der Leutnant und der Konstabel Die Verwirrung und der Tumult auf dem Schloßhofe waren so groß, als sie nur immer in einem so desperaten Augenblicke von ein und zwanzig als beschaffenen Kriegern hervorgebracht werden können. Um dieses Bild in der Vorstellung des Lesers in das gehörige Licht zu rücken, bemerke ich, daß Je der der so eben Zusammengetrommelten durch Hymnens Bande an ein bräunslich gelbes Individuum des schönen Geschlechtes geknüpft war, so, daß sämtliche in diesem verhängnißvollen Augenblicke versammelten Hälften ein wahres Corps terrible ausmachten.
    Der Leutnant und der Konstabel schritten über den Schloßhof hin; erster in einer gewaltsamen Spannung und mit der Haltung eines Mannes, der das erstemal in seinem Leben das Schick -
  • - 49 - sal eines entscheidenden Momentes in seine Hände gelegt sieht, lezterer, von Jugend auf parforge dressirt, mit jenen schulgerechten Bewegungen des Körpers, welche in Freud und Leid stets denselben Takt beobachten. Indessen muß man sagen, daß ihr Anblick das Einzige war, was man von militärischer Haltung im ganzen Schlo?e auftreiben konnte.
    Beyde traten in ein Nebengebäude, in welchem eine enge Treppe ein paar hundert Stufen abwärts nach einer jener Verschanzungen führte, welche man gewöhnlich zur Vertheidigung des Grabens anzulegen pflegt, und auf welcher das Zeughaus aufgeführt war. Der Platfond dieser Treppe bestand aus hölzernem Getäfel, welches Abtheilungs weise mit vergoldeten Rahmen und Lei-
  • - 50 - sten eingefaßt war. Jede dieser Abtheilungen enthielt die Abbildung eines Eremplares aus dem Pflanzenreiche in generischer Zusammenstellung mit den übrigen.
    Diese hier abgebildeten Pflanzen waren, laut vorhanden gewesenen Urkunden, in einem ausgedehnten botanischen Garten gezogen worden, welcher nach allem Anscheine zu den ausgezeichnetesten Anlagen seiner Zeit mag gehört haben.
    Wenn ich einmahl den Auftrag er halten sollte, Medaillen an sorgsame Sammler und Aufbewahrer geschichtlicher Ereignisse zu vertheilen, so kann ich höchstens gar keine für die früheren Topographen von Eichstädt zurücklegen, welche es ganz und gar unterlassen haben, uns auch nur anzudeuten, wo
  • - 51 - dieser botanische Garten angelegt war, wie lange er bestanden habe, und auf welche Art auch jede Spur von ihm vertilgt worden sey.
    Beyde Krieger giengen unter diesem Blumenhimmel, aus welchem sie sich aber nie etwas Rechtes hatten hers ausklauben können, abwärts, und traten in das Zeughaus, dessen Inhalt vor zwey hundert und verschiedenen Jahren wohl einen beruhigenden Anblick gewährt hätte, welches aber einen Artilleristen neuerer Zeiten ganz und gar a - l'extrémité seiner Hoffnungen versetzen mußte.
    Altdeutsche Flinten mit Luntenschlössern waren in beliebiger Abwechslung mit rostzerfressenen Musqueten und weitmauligen Musquetons theils in lan
  • - 52 - gen Reihen aufgestellt, theils mantelartig um Pfähle gelehnt. Drey und vierseitige Pyramiden von steinernen Kugeln wechselten mit uralten Pomben ab, und blickten über Häufchen kleiner Handgrenaden weg, mit welchen breitschulterige Grenadiere dem Feinde den Tod ins Angesicht zu werfen pflegten. - Entsetzlich lange Geschützrohre, welche man Feldschlangen nannte, lagen am Boden, und schienen bestimmt zu seyn, dem Feinde das Wort vom Munde hin - weg zu nehmen. Neben ihnen lagen, klavierartig aneinander gereiht, weit gebohrte Eisenläufe, welche, mit einer gemeinschaftlichen Zündrinne versehen, dazu erfunden waren, um mit einer einzigen Luntenbewegung ganze Strecken zu entfeinden. Man hatte diese sinnreiche Erfindung so weit gesteigert, daß man drey solcher Orgelpfeifen
  • - 53 - so wurden sie in der Kunstsprache auch genannt – auf den Flächen eines dreyseitigen mit einer Axe versehenen Kastens befestigte, und so durch Haspelbewegung den Tod dahin beförderte, wo man es am gelegensten fand. Petardenkessel, welche man mit Pulver gefüllt gegen die Thore spreizte, um sie zu sprengen, erfreuten sich seit langer Zeit eines ungetrübten Quieszenten-Standes, und waren auch da. So hinreichend alle diese Ci-de vants vorhanden waren, so äußerst sparsam führten sich die Waffen neuerer Zeit auf, und ein besonders scharfer Blick gehörte dazu, um jene Kugeln aufzufinden, welche in die paar Stücke Geschütz paßten, die wie arme Tropfen auf den Wällen durch die Schießscharten hinausguckten, und aus welchen, wie
  • - 54 - sich später ergab, erst einige Fledermaus Familien deportirt werden mußten.
    Einen verklagenden Blick warf der Leutnant dem gerechten Himmel zu, der sein tiefes Blau durch einige fehlende Ziegel des Daches hineindrängte; ein frisches Thallüftchen, das durch die stark vergitterten ovalen Fenster und durch die engen Mauerscharten sich in das Arsenal verirrt hatte, spielte kühlend und kosend mit Bärten, Haaren, und Spinngeweben; es war aber nicht im Stande, ein grünes malitidses Lächeln zu entwaffnen, das sich durch die lederfarbenen Gesichtszüge des Konstabels hinwand, in dessen Korporals Schedel der ungewohnte kathegorische Ton des Leutnants ein ganz eigenes Zwicken und Grimmen hervorgebracht hatte,
  • - 55 - Die Besichtigung des Pulverthurmes gab ebenfalls eine sehr unerfreuliche Ausbeute. Ueppig efloreszirte der Salpeter an den Patronen und das, was allenfalls noch Pulver genannt werden konnte, war durch die Länge der Zeit, und durch die angezogene Feuchtigkeit zu einer solchen Festigkeit erhärtet, daß man im Zweifel seyn mußte, ob es besser gelingen werde, den Feind damit zu erwerfen, oder zu erschießen.
    Der desolateste aller Festungskommandanten gieng nach dem Schloßhofe zurück, und hinter ihm gieng der Konstabel, der sich in diesem Augenblicke seine eigenen Gedanken machte, und denn Spandau nicht aus dem Kopfe wollte? welches ihm in mehr als einer Hinsicht merkwürdig war.
  • - 56 - Der Leutnant entließ seinen mephistophelischen Gefährten mit der Weisung, sich den übrigen Reichsverfechtern beyzugesellen, und bestieg einen Wartthurm, welcher, weit vorspringend, auf einem großen „Wappen ruhte, welches drey Muscheln im weißen Felde, nebst Bischofsmütze, Schwerdt und Krumstab zeigte.
    Der goldene Herbst schwebte am milden Himmel, und hatte seinen farbenreichen Segen, wie die Ausstattung einer frohen Braut, an den Aesten dicht belaubter Bäume aufgehangen. Aber kein glückliches Auge ergötzte sich an seinen Herrlichkeiten: von Waffen dröhnte weit umher das Thal, und die Sonsen?trahlen, welche dem unbewölkten. Aether entglitten, blitzten in den scharf polirten Rüstungen und Waffen stolzer
  • - 57 - Kriegergestalten, und belebten das unheimliche Farbenspiel grellbunter Soldatentrachten, welche in wogender Menge Strassen und Wege bedeckten.
    Trotzige Reiter mit schwarzen struppigen Bärten, von wilden normännischen Rossen getragen, braußten voran, und das hohe Traben ihrer Thiere wechselte mit kühnen Korvetten und Sätzen. Ihre Hauptzierde waren zylindrische aufgestülpte Bärenfälle, mit scharlachrothen weit herabhängenden Säcken. Sie blickten gleichgültig auf einzelne Abtheilungen bewaffneter Fußgänger her ab, welche mit schiffartigen Hüten, hin länglichen Schnappsäcken, und weit über hängenden Musqueten sich an den Seitenwegen und auf den Rainen hinschleppten. Diese waren das Schrecken der Einödhöfe und abgelegener Dörfer, und
  • - 58 - sie leben unter dem Namen „die Schlacken“ noch frisch in den Reminiszenzen unserer Bauern fort.
    Langbespannte Kanonen welche rasch, wie Postkaleschen daher rollten - waren von leichtberittenen Konstabeln in Husarenkostüm umtanzt und ihr Anblick konsternirte um so mehr das Fassungsvermögen des Leutnants, als ihm derley noch niemals in seinem Leben vorgekommen war.
    Von da fiel sein Blick auf die weiten ausgedehnten Flächen seiner Bastione und Schanzen, welche er selbst dann kaum hätte besetzen und vertheidigen können, wenn seine Reactions Masse so dehnbar gewesen wäre, wie reines Gold. Zugleich drängte sich ihm die Ansicht auf, daß die Erbitterung
  • - 59 - des Feindes in dem Verhältnisse wachsen werde, als er sich Mühe geben müsse, die Atome der Besatzung in der weiten Leere des Forts St. Wilibald aufzutrüffeln. Es würde auf gleiche Weise die Ungeduld eines Baskiren zur Wuth gesteigert werden, wenn man ihm eine Kinderhand voll Linsen in zwey Maaß Wasser abgekocht vorsetzte, und daneben als Eßwerkzeug eine zweyzinkige Gabel hinlegte. Als er seinen Blick wieder in das Thal warf, wo eben als Fortsetzung ein Regiment hochstämmiger Grenadiere mit festangezogenen Gewehren, jovialen Bärenmützen, und im gemessensten Schritte anrückte, und die Bergstrasse herab rothröckige Trompeter bliesen welche lauter Schimmel ritten, so kam ihm seine Burg vor, wie die Arche
  • - 60 - Noe's, welche von der Gnade des Himmels allein beschützt, über einem feindlichen Elemente schwebte. Des Schlosses Säulen fiengen unter ihm zu wanken an, und er begab sich zu seinen ein und zwanzig Getreuen zurück, in dem er höchst begierig war, welches Kommando-Wort er zuerst aussprechen werde.
    Sie standen da; wie Schilf im Abendwinde bewegten sich die Spitzen ihrer Gewehre, und ich wette, daß viele auf Erden leben, welche weit kampf begieriger sind, als diejenigen waren, von denen ich jezt rede.
  • - 61 - Ein gellender Trompetenstoß in gemessenen Absätzen dreymahl wiederholt und fünffach zurückgegeben vom Echo der umliegenden Berge schmetterte von der Zugbrücke herauf, brach sich dumpf in den öden Mauer-Räumen, und löste sich wimmernd in Todtenstille auf.
    Mehr - mahlerisch als heldenmäßig stand das Häufchen in mannichfacher Bewegungslosigkeit da, und es hätte in diesem Augenblicke ohne Wunder kein Blutvergießen statt finden können, denn alle waren in jener Verfassung - in welcher eisige Erstarrung alle Lebensgeiste gefesselt hält.
    Balthasar Schmierling! rief der Leutnant nach einer langen Pause, indem er mit einem beherzten Griffe seine ganze Kommandant-Würde zussmmen nahm,
  • - 62 - Hier näselte im Kindertrompeten-Tone eine zusammen geschmolzene Füselier-Gestalt, deren schmächtiges Untergestelle durch die langen engen Kamaschen in seiner ganzen Dachsbeinigkeit dargestellt wurde. Unter dem schlappenden Hute blickte ein schmales Gesicht heraus, wie ein Bild, zu welchem der Pinsel in etwas Mondenschein eingetaucht worden war; nur die Oberlippe - war tüchtig mit Schnupftabak gepfeffert, und der ewig fließende Thränenquell des linken Auges wurde in seinem weiteren Fortdringen von Zeit zu - Zeit durch ein Schlürfen des entsprechenden Mundwinkels gehindert. Das Leben dieses Mannes war ein zusammenhängender Brantewein-Rebel; – er war in mehreren Armeen ausgerissen, und hatte auch irgend einmahl eine Charge im kleinen Stabe eines altfranzösischen Strafbataillons begleitet.
  • - 63 - Balthasar! er muß mir wälschen helfen mit den Leuten, die so eben da unten geblasen haben, so sagte der Leutnant, und beorderte die ganze Besatzung, sich auf eine Flanke des Bastions nächst dem Thore mit gespanntem Hahne aufzustellen, und dem Konstabel nebst seinen beyden Gesellen trug er auf, sich mit brennender Lunte ein zufinden. Nach genauen Erkundigungen soll es zwar mit der brennenden Lunte keinen Anstand gehabt haben, je doch sollen hinsichtlich des Hahnenspannens mehrseitige Modifikationen eingetretten seyn.
    Der Leutnant gieng nach seiner Wohnung zurück, wo er seine Haushälterin in einem Zustande kompleter Auflösung fand. Sie hatte ein Sacktuch um den Kopf gebunden, und saß
  • - 64 - mit gefalteten Händen in einem Lehnsessel; sie befand sich in der augenscheinlichsten Resignation und war in der festen Ueberzeugung, daß sie ihre gegenwärtige gemüthliche Krisis nicht werde überstehen können. - An einem schmalen hölzernen Kasten, welcher die Gewichte und die Pendelschwingungen eines ehrwürdigen Zeit messers schützte, lehnte ein langer, zierlich gearbeiteter Spieß, welcher Sponton hieß, und in jener Zeit ein besonderes Diensteszeichen der Offiziere war. Diesen ergriff der Leutnant und gieng mit seinem Dollmetscher den Bogen gang hinab, nachdem er den Befehl ertheilt hatte, die Zugbrücke niederzu lassen, und das Fallgitter auf Manneshöhe aufzuziehen.
  • - 65 - Als die Zugbrücke niedergelassen war, stand die Riesenfigur des Leutnants gerade unter dem halbaufgezogenen Fallgitter, die Faust mit dem Sponton weit vorstreckend, gleich als wäre er entschlossen und geschaffen, mit seinem Leibe den Eingang in die Burg zu decken. Der Schimmel des Trompeters machte einen scheuen Satz seitwärts, und die übrigen Pferde alle drückten sich in einer Achtelswendung links wobey jenes Schnauben und Scharren zu vernehmen war, welches den Pferden eigenthümlich ist, wenn sie etwas unheimliches wittern.
    „Frage sie, was sie wollen“ sagte der Leutnant zu Balthasarn. „Den Einzug in die Festung" war die Antwort des feindlichen Befehlshabers.
  • - 66 - Nur, nachdem ich einen Sturm ausgehalten habe, oder totale Bresche geschossen ist, lasse ich Chamade schlagen.“ So sagte der Leutnant; wir aber zweifeln sehr, ob Tambour Kaliban im Stande gewesen wäre, auf seiner Trommel ein verständliches Derley zusammen zu buchstabiren.
    Allseitige dringende Vorstellungen konnten den Leutnant endlich bewegen, sich auf weitere Unterhandlungen einzulassen, welche folgendermassen fortgesetzt wurden:
    „Der Besatzung ist freyer Abzug mit klingendem Spiele zugestanden“ proponirte sofort der feindliche Obrist.
    Dagegen protestirte aber feyerlich der Leutnant, unterstützt durch ein Murmeln des Beyfalls von der auf der Flanke des Bastions unter den Waffen stehenden Besatzung, denn Sämmtliche
  • - 67 - waren mit dieser Burg so eng verwachsen, als die Schnecke mit ihrem Hause; was aber das klingende Spiel betrifft, so nahm der Leutnant ganz und gar Umgang davon.
    "ueber das Geschütz hat der Belagerer zu verfügen“ fuhr der feindliche Chef fort; nachdem er sich etwas genauer umgesehen hatte, und links an der Ecke so etwas wie eine Kanone erblickte, welche ihn mit einer wahrhaft böhmischen Freundlichkeit anschmunzelte.
    „Unter der Bedingung“ übersetzte Balthasar, „daß nur mit jener Munition daraus geschossen wird, welche sich im Zeughause vorfindet.
    ,,Wenn Kanonen mit Gribeauvalschen Laffeten vorhanden sind, so werden diese sogleich zum Belagerungs Korps der großen Armee abgeführt.“
  • - 68 - „Was sind das für Laffeten?“ rief der Leutnant dem Konstabel zu, welcher oben bey den Andern stand, und dießmahl den Hut a la mort-bleu auf dem Kopfe hatte. „Es sind Laffeten mit Blitzableitern“ sagte jener. " Haben wir derley?“ ,,Keine,“ war die Antwort.
    ,,Zugestanden,“ ließ der Leutnant dem Obrist durch Balthasarn wissen.
    "Mundvorräthe und Magazine nimmt der Belagerer in Beschlag.“
    ,,Jene ausgenommen,“ ?agte der Leutnant, ,, welche sich allenfalls in den Taschen und Schnappsäcken befinden!“
    ,,Hiemit ist der Vertrag geschlossen.“
    „ Wird er auch gehalten werden?“ ließ der Leutnant Balthasarn zweifeln.
  • - 69 - „Ma parole d'honneur!“ sagte der Obrist und reichte die Hand hin.
    „Alla Bonndr!“ sagte der Leut nant, indem er sich hiemit seines ganzen Vorraths französischer Sprachkunde entledigte, und zugleich den Händedruck des gegentheiligen Kontrahenten mehr kräftig, als wohltuhend erwiederte.
    So war das Bollwerk des Altmühlthales gefallen: die bald darauf erfolgten heraldischen Umwälzungen verwandelten dieses Schloß in Privat-Eigenthum; Inhalt und Bedachung wurden losgerissen, und zu den Zwecken des alltäglichen Lebens verwandelt; nur die Quadermauern sprechen jeder Gewalt Hohn, und “Des Himmels Wolken schauen hoch hinein.“ -
  • - 70 - Der Leutnant zog sich bald nach der Uebergabe seiner Veste von dem Schauplatze des Kriegshandwerkes zu rück. In patriarchalischer Ruhe erlebte er noch viele Jahre, und blickte mit unerschütterlichem Gleichmuthe auf die Zeitereignisse hin, welche ihn nicht im geringsten zu erreichen schienen. Der moderne Spekulationsgeist respektirte die Integrität seiner Wohnung, in welcher ihn täglich ein gewählter Kreiß von Freunden und Bekannten umgab, die von der Stadt zu ihm hinaufkamen, angezogen von seiner derben Originalität und von seinem ächt deutschen Biedersinne, dessen Aeußerungen durch soldateske Manieren mehr gewürzt als ent?tellt wurden.
    Ein hochbejahrter Greis gab er mit jugendlicher Laune die Kabinets Stückchen seines früheren Lebens zum
  • - 71 - Besten, und oft hatte in milden Sommernächten der Heerwagen schon seine Deichsel gewendet, wenn er unter freyem Himmel, auf einem traulichen Plätzchen zwischen den Trümmern der Burg eine frischgestopfte Pfeife anbrannte - und umständlich die Kapitulation seiner Veste erzählte – welche ich als das chef-d'oeuvre seines Heldenlebens betrachtete.
    In den ersten Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts versammelt er sich zu seinen Vätern. Als ssin Sarg von der Veste herab nach der Stadt getragen wurde, traf er mit einer Abtheilung des französischen Heeres zusammen. Die militärischen Insign" welche das Bahrtuch schmückten, erregten die Aufmerksamkeit des kommandirenden Generals, dessen Auge männliche Rährung umdunkelte, als er den
  • - 72 - den Namen des Entseelten erfuhr; denn er war es, der damals als Obrist mit dem Leutnant die bewußte Kapitulation gedchlossen hatte. Er hatte ihn schätzen gelernt, und aus den bizarren Formen ein vortreffliches Gemüth heraus gefunden.
    Ein Regiment Grenadiere nahm die sterblichen Ueberreste des Leutnantsgreises in seine Mitte, und begleitete sie mit ernster Musik, abwechselnd mit verstimmten Trommelspiele, an die Vorhalle jener dunklen Pforte, welche der Friedensengel jedem nur einmahl öffnet, und dann auf immer verschließt.
    - Des Leutnants wohlgetroffenes Bild hängt im Schlafzimmer eines der verehrtesten Monarchen Eurpas.

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