Lateinische Sprachrelikte im bayerischen Dialekt

Roma nova, Ablehnung

Ur-Bayerisch ist keine Variante der deutschen Sprache, sondern Latein.

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    Bayerische Akademie der Wissenschaften Kommission für Mundartforschung

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    Prof. Dr. A. R. Rowley
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    11. Februar 2013

    Stellungnahme zur Eingabe von
    Herrn Rupert Stadler

    In seinet Eingabe wendet sich Herr Stadler vehement dagegen, dass in der akademischen Germanistik Bayerns das Bairische als ein Abkömmling des Germanischen interpretiert wird und plädiert mit lnbrunst dafür, es als Fortsetzung des Lateins zu deuten. Gegen diese innige Überzeugung von Herrn Stadler fällt es mir schwer, Stellung zu nehm«t. Seine unbedingte Hingabe an sein Thema ist bemerkenswert.

    Es sei aber darauf hingewiesen. dass Herr Stadler hier einen Standpunkt einnimmt, der von allen Fachleuten abgelehnt wird. Nicht nur in Bayern, sondern weltweit versteht die Germanistik das Bairische als Dialekt des Deutschen, das Deutsche als eine der germanischen Sprachen und nicht vom Latein abstammend, und das Germanische schließlich als eine eigenständige Gruppe der indoeuropäischen Sprachen neben dem Latein. Dies ist eine rein linguistische Klassifikation und impliziert keine rassistische Einstellung; auch angelsächsische, französische und sowjetische Philologen sind schon lange vor der NS-Zeit davon ausgegangen, dass das Bairische zum Bestand der deutschen Sprache gehört. Alle deutschen und internationalen

    Fachkollegen stehen in dieser Wissenschaftstradition, die sich auf Jacob Grimm ("Deutsche Grammatik" von l8l9 fl'.) und Johann Andreas Schmeller ("Bayerisches Wörterbuch", 1. Auflage l827-1837) zurückführen lässt, in sämtlichen Handbüchern und Nachschlagewerken wird genau diese Auffassung vertreten. Aus dieser Sicht beruht die Behauptung von Herrn Stadler, die "Bajuwari" hätten "keine Spuren im bayerischen Sprachschatz hinterlassen", nur auf Wunschdenken.

    Auch alle Fachvertreter der bayerischen Landesgeschichte sehen den Stamm der Bayern (bei allen unterschiedlichen Auffassungen in Fragen der Stammesbildung) insgesamt als in der Nachfolge von Germanen stehend. Stellvertretend sei hier etwa die gemeinsame Landesausstellung "Die Bajuwaren" des Freistaates und des Landes Salzburg in Rosenheim im Jahr 1988 genannt.

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    Es sei zugestanden, dass es notwendig ist, ungeprüft überommene Glaubenssätze immer wieder neu zu überdenken. Aber hier sind die linguistischen Beweise zu eindeutig und zu erdrückend, da die lautgesetzlichen Übereinstimmungen so zahlreich sind. Ganz im Gegensatz zur Meinung von Herrn Stadler sehe ich die Zugehörigkeit der Dialekte Bayerns zum deutschen Sprachraum auf vielen Karten des "Bayerischen Sprachatlasses" immer wieder bestätigt. Anderseits hat das Lateinische unbestritten einen erheblichen Einfluss auf das Bairische ausgeübt. Wörter wie Pfister, Radi, Wein, sind eindeutig lateinischer Herkunft, sogar für Bier wird von einigen auf lat. biber 'Trank' verwiesen. Ortsnamen wie Augsburg, Künzring, Passau oder Valley haben ebenfalls lateinische Wurzeln und gehen auf romanische oder lateinische Bevölkerungsanteile in der damaligen Provinz Raetia Secunda zurück. Es ist also richtig, wie Herr Stadler schreibt, dass die Römer starke Spuren im bayerischen Sprachschatz hinterlassen haben. Aber das wird gemeinhin als Entlehnung ins Germanische verstanden.

    Ein Anliegen von Herrn Stadler ist die Bewertung des bayerischen Dialekts als Sprache. Dazu nehme ich wie folgt Stellung: Herrn Stadler ist Recht zu geben, dass nicht Sprachwissenschaftler, sondern nur die Sprachgemeinschaften selbst bestimmen können, was eine Sprache ist und was ein Dialekt. Herr Stadler stünde nicht völlig allein: Die UNESCO hat vor zwei Jahren das Bairische in ihre Liste der "gefährdeten Sprachen" aufgenommen. Ich habe selber öffentlich geäußert (Rowley 2011), dass das Bairische im Prinzip die sprachlichen Grundvoraussetzungen dafür mitbrächte, als Sprache bewertet zu werden. Aber die Sprachgemeinschafl versteht Bairisch offenkundig als Dialekt des Deutschen; sogar mein Regensburger Kollege Prof. Ludwig Zehetner, der sehr genau auf die sprachlichen Besonderheiten Bayerns achtet, schreibt in seinem Werk "Bayerisches Deutsch".

    Ludwig Zehetner, der sehr genau auf die sprachlichen Besonderheiten Bayerns achtet, schreibt in seinem Werk "Bayerisches Deutsch" (3. Aufl. Regensburg 2005. l6): "Bairisch ist deutsch". das heißt Teil der deutschen Sprache und nicht eine eigenständige Sprache. Diese Einstellung ist unter Bayern allgemein verbreitet. Als zum Beispiel im Deutschen Bundestag im Jahre 1999 die Bundesrepublik die "Europäische Charta der Regionan oder Minderheitensprachen" ratiiizierte und das Plattdeutsche dabei als Regionalsprache anmeldete, hatte der "Förderverein Bayrische Sprache und Dialekte e.V." versucht, in Bayern Unterschriften zu sammeln, damit die Landesregierung auf die Bundesregierung einwirke, auch das Bairische als Regionalsprache zu deklarieren. Das Ergebnis war kläglich; es bestand schlicht kaum öffentliches Interesse.

    Die Petition enthält weiterhin den Vorwurf, die "falsche Sprache" und das "falsche Wörterbuch" werde mit Steuermitteln subventioniert. Bezüglich der Subventionierung sei angeführt, dass sie durchaus im Sinne von Artikel 3 der Verfassung des Freistaats erfolgt: (1) "Bayern ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat. Er dient dem Gemeinwohl". (2) "Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen und die kulturelle Überlieferung". Zur kulturellen Überlieferung gehören die Sprachen des Landes. Gerade die Bayerische Akademie der Wissenschaften, deren Motto "Tendit ad aequum" lautet, ist als verantwortungsbewusßte Trägerin von Forschungsprojekten Garantin für die Angemessenheit (und auch für die Richtigkeit) der von ihr verantworteten Vorhaben.

    Das von der Akademie getragene "Bayerische Wörterbuch" ist Teil eines Netzes von akademischen Dialektwörterbüchern, die den gesamten deutschen Sprachraum in vergleichbarer Vorgehensweise abdecken; fast alle anderen Landesakademien sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Schweizerische Akademie der Geistes und Sozialwissenschaften fördem vergleichbare Projekte oder haben sie bereits abgeschlossen. Hauptanliegen dieser Wörterbücher ist die Aufgliederung der

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    Bedeutungen der Dialektwörter auf Grund von empirisch erhobenem Sprachmaterial.
    Noch heute hat das "Bayerische Wörterbuch" ein Netz von über 500 freiwilligen Helferinnen und Helfern in ganz Altbayern, die regelmäßig über Dialektwörter und ihre Bedeutungen Auskunft geben. Auch damit wird sichergestellt, dass die Wortschatzdokumentation zuverlässig ist. Herrn Stadlers Anliegen ist die Rückführung des bairischen Wortschat2es auf lateinische und nicht auf germanische Wurzeln. Die Erklärung der Wortherkunft (Etymologie) ist kein primärer Aufgabenbereich des "Bayerischen Wörterbuchs"; deswegen referiert das Wörterbuch in aller Regel nur kurz den aktuellen Stand der germanistischen Forschung nach Grundlagenwerken wie dem "Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache" von F. Kluge in der Bearbeitung von Elmar Seebold, einem Kollegen von der LMU, oder dem von der Österreichischen Akademie der Wissenschaflen bearbeiteten "Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich". Gerade bei Etymologien gehen die Meinungen der Fachgelehrten oft ziemlich auseinander. Aber auch wenn sich in einigen Fällen eine etymologische Angabe als überholt oder falsch hcrausstellen sollte, schmälert das in keiner Weise den dokumentaflschen Wert des Wörterbuchs.

    lm Übrigen muss die Kommission für Mundartforschung, die aus renommierten Fachvertretern besteht, und die Redaktion, deren Leiter auch als außerplanmäßiger Professor für germanistische Linguistik an der LMU wirkt, Sorge tragen, dass das Projekt bei allen Besonderheiten des Landes den Erfordernissen des Gesamtfachs Rechnung trägt Es wäre völlig unangemessen. stark vom Stand der philologischen Forschung abweichende Meinungen Einzelner zu verbreiten.

    Die Petition enthält schließlich den Vorwurf "Bayerische Wörterbuch" (das kein Projekt des Herrn Prof. Dr. A. Rowley ist, sondern ein Vorhaben der Bayerischen Akademie der Wissenschaften) sei eine "Volksverdummung sondergleichen". Nach Auffassung der Kommission für Mundartforschung ist das Thema Dialektforschung sehr gut geeignet, einem nicht fachlichen Publikum wissenschafiliche Arbeit und deren Ergebnisse näher zu bringen. Die Mitglieder der Redaktion tun dies im Sinne der Volksbildung auch immer wieder und zwar mit großer positiver Resonanz. Alle Erfahrungen aus der Öffentlichkeitsarbeit der Kommission zeigen, dass das "Volk" zu intelligent ist, um sich von Sprachforschern einfach für dumm verkaufen zu lassen. Bezüglich der einzelnen für Herrn Stadler strittigen Wortherleitungen ist es mäßig, auf Standardwerke wie Kluge-Seebold, Duden oder andere hinzuweisen. Herr Stadler kennt die Aussagen dieser Nachschlagewerke, lehnt deren Erklärungen aber aus prinzipiellen Gründen ab.

    gezeichnet
    Prof.Dr.A.R.Rowley

    Zitierte Literatur:
    Duden Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 4. Aufl. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 2006.
    F. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Aufl. Berlin/New York 2011 (bearb. von Elmar Seebold).
    A Rowley: Bavarian : Successful Dialect Or Failed Language? In: Handbook of Language and Ethnic Identity VoL 2. Ed. l. Fishman. O. Garcia Oxford University Press 2011, 299-309.

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